OnlineRoman „Stadt im Schnee“ 1

Die Nomaden

Runo lag bäuchlings im Pulverschnee. Sein weißer Mantel machte ihn unsichtbar. Er starrte in das verschneite Tal hinab. Vom Hügelkamm aus konnte er die Straße, die sich durch das Tal wand, gut einsehen. Es dämmerte bereits, und in der Ferne konnte er das matte Glühen ausmachen, das von der Stadt der Eindringlinge ausging.

Sie waren mit ihren Armeen gekommen, hatten den Nomadenstämmen den Krieg erklärt und zum Zeichen ihres angeblichen Siegs die Stadt gebaut. Die Eindringlinge hatten schon viele Länder erobert, aber erst hier, im schneebedeckten Reich der Nomaden, waren sie auf ernsthaften Widerstand gestoßen. Es hatte keine großen Schlachten gegeben, aber die Nomaden überfielen die Proviantzüge und Nachschublinien. Sie waren der Dorn im Fleisch der Eindringlinge, die keinen endgültigen Sieg über die Kriegerscharen erringen konnten.

Runo lächelte bei dem Gedanken an die Katz-und-Maus-Spiele, die er sich mit den Eindringlingen schon geliefert hatte. Sein Meisterstreich war es gewesen, eine ganze Armee der fremden Krieger in eine Schlucht zu locken. Seine Stammesgenossen hatten oben auf den Klippen gelauert. Sie hatten eine Lawine ausgelöst, die in die Schlucht donnerte und alle Feinde begrub.

Er sah zur Stadt hinüber. Nur das Schimmern ihres Lichts war zu erkennen. Aber er wusste, wie sie aus der Nähe aussah, dass sie uneinnehmbar war: Hohe Mauern umgaben Gebäude aus grauem Stein. Dächer und Türme ragten in den verhangenen Himmel auf – höher als jedes andere Gebäude, das Runo jemals gesehen hatte.

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